Wie fühlt sich die Welt an

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Die Sinne

Der Prozess der Wahrnehmung ist komplex: Zuerst treten Reize auf, dann nehmen Sinnesorgane diese Reize wahr und leiten die Reizinformationen an das Zentralnervensystem. Dort werden die Informationen sortiert, mit anderen wahrgenommenen Informationen verglichen und gespeichert. Ggf. erfolgen Befehle an die Muskeln und es tritt eine Reaktion auf den Reiz auf.

Vorrangig dreht sich das Buch „Wie fühlt sich die Welt an?“ um den Tastsinn. Jedoch ist die Wahrnehmung ein ganzheitlicher Vorgang und nicht nur über einen Sinn denkbar. Wenn wir z.B. eine Birne essen, dann sehen wir sie, riechen ihren süßlichen Geruch, schmecken die Frucht und fühlen sie sowohl mit der Hand, die sie zum Mund bringt, als auch mit den Lippen und der Zunge. Das Geräusch des Reinbeißens können wir über unsere Ohren wahrnehmen. Der Kraftsinn gibt uns Informationen über das Gewicht der Birne und der Bewegungssinn ermöglicht uns die Richtung und Geschwindigkeit unseres Arms wahrzunehmen, mit dem wir die Birne zum Mund führen. Nur wenn die Wahrnehmungssysteme zusammenarbeiten, kann der Mensch richtig wahrnehmen. Da die im Mitmachbuch beschriebenen Tastübungen auch anteilig eine Förderung der vestibulären, auditiven, visuellen und kinästhetischen Wahrnehmung vorsehen, folgt nach der Erläuterung des Tastsinns ebenfalls eine Beschreibung der übrigen Sinne.

Der Tastsinn – Das taktile System
Das Sinnesorgan des Tastsinns ist die Haut. Sie ist das größte und wichtigste Sinnesorgan, denn sie schützt vor Verletzungen und Sonne, regelt unseren Wärmehaushalt, ermöglicht den Stoffwechsel etc. In der Haut sitzen Tastkörperchen mit empfindlichen Nervenzellen. Diese Tastkörperchen nehmen mechanische Reize auf und leiten sie weiter.
Am Rücken z.B. befinden sich sehr wenige Rezeptoren, an den Fingerkuppen, Füßen, Lippen und der Zunge aber sind sie eng geballt, so dass wir an diesen Körperstellen besonders berührungsempfindlich sind.
Die taktile Wahrnehmung lässt sich gliedern in die Schmerzwahrnehmung, die Temperaturwahrnehmung (dies geschieht entweder direkt über die Haut, wenn wir z.B. auf eine heiße Herdplatte fassen oder über die Luft), die Berührungswahrnehmung (die Fähigkeit Berührungen am eigenen Körper zu lokalisieren) und letztlich die Erkundungswahrnehmung
(Vgl.: Prommer, Sigrid (2004): Stille Post & Co. Wahrnehmung und Beobachtung, Theoretischer Teil. Celle: K2-Verlag, S.17f.). Mit Erkundungswahrnehmung ist gemeint, dass wir mit Hilfe unseres taktilen Systems die Umwelt durch Abtasten erforschen können.


Der Bewegungs-, Stellungs-, Spannungs- & Kraftsinn – Das kinästhetische System
Die kinästhetische Wahrnehmung umfasst den Bewegungs-, Stellungs-, Spannungs- und Kraftsinn. Sie wird oft als Tiefensensibilität, Tiefen- oder Eigenwahrnehmung bezeichnet, da sich die Sinneszellen tief im Körper (in den Muskeln, Gelenken, Bändern und Sehnen) befinden. Diese Sinneszellen reagieren nicht auf Impulse aus der Umwelt, sondern auf Köperreize, wie z.B. Reize, die bei Muskelbewegungen entstehen.
Der Bewegungssinn ermöglicht die Bewegungswahrnehmung der Gelenke und Gliedmaßen. Mit Hilfe dieses Sinns können wir Richtungen und Geschwindigkeiten z.B. der Arme und Beine registrieren. Der Stellungssinn befähigt uns die Stellung der Gliedmaßen zueinander wahrzunehmen. So wissen wir z.B. im Dunkeln wo sich unsere Hände befinden. Der Spannungssinn informiert über das Ausmaß der Muskelspannung und den momentanen Krafteinsatz. Je nach Anspannung unserer Muskeln können wir mutmaßen, ob ein Gegenstand leicht oder schwer ist. Der Kraftsinn ermächtigt uns dazu unsere Muskelkraft abzuschätzen, um eine Handlung auszuführen. Wenn wir z.B. eine Feder und einen Stein sehen, dann wissen wir, dass mehr Anstrengung nötig ist, um den Stein zu heben als die Feder.
Erst die Hinweise über Bewegung, Stellung, Spannung und Kraft der Muskeln und Gelenke ermöglichen Bewegungen. Würden wir weniger dieser Informationen erhalten, so könnten wir uns nicht so schnell, geschickt und leicht bewegen.


Der Gleichgewichtssinn – Das vestibuläre System
Das zugehörige Sinnesorgan bildet der Vestibularapparat im Innenohr. In diesem sitzen zwei verschiedene Arten von vestibulären Rezeptoren. Die eine Art reagiert auf die Schwerkraft und die andere auf Bewegungen. „Die Kombination der Informationen von den Schwerkraftrezeptoren und […] [Bewegungs-rezeptoren] teilt uns exakt mit, wo wir uns in Beziehung zur Erdschwere befinden, wo wir uns bewegen oder stillstehen und wie schnell wir uns bewegen, ferner die Richtung unserer Bewegung“
(Ayres, Jean (2002): Bausteine der kindlichen Entwicklung. Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. 4.Auflage, Berlin: Springer Verlag, S.62).
Wenn das Gleichgewicht zu kippen droht, dann meldet das vestibuläre System, dass zusätzliche Leistungen (z.B. Arme ausstrecken) zur Stabilisierung nötig sind. Der Gleichgewichtssinn dient also der Aufrechterhaltung unseres Körpers und unserer Orientierung. Er ermöglicht Gesehenes richtig zu deuten. Wenn z.B. vor uns ein Auto herfährt, informiert uns das vestibuläre System darüber, ob sich das Auto bewegt oder ob wir uns bewegen.


Der Hörsinn – Das auditive System
Das auditive System ist in diverse Teilbereiche gliederbar (Vgl.: Prommer 2004, S.14f.):
Zum einen ist die auditive Aufmerksamkeit (Fähigkeit die Aufmerksamkeit auf bestimmte akustische Reize zu richten) ein Teilwahrnehmungsbereich des auditiven Systems. Wenn z.B. ein Lehrer redet und im Raum weitere Geräusche auftreten, so befähigt eine funktionierende auditive Aufmerksamkeit den Schüler dazu, dem Lehrer zuhören zu können. Die auditive Selektion (auditive Figur-Grund-Wahrnehmung) ermöglicht akustische Informationen aus einer akustischen Menge herauszufiltern. Ein weiteres Teilgebiet ist die auditive Lokalisation, womit die Ortung von Geräuschquellen gemeint ist. Eines unserer Ohren nimmt die Schallwellen eher und lauter wahr als das andere und dies ermöglicht die Lokalisierung. Weiter gibt es die auditive Differenzierung. Dies meint die Fähigkeit zur Unterscheidung auditiver Ereignisse auf Klang-, Geräusch- und Phonemebene. Ist diese Fähigkeit gut ausgebildet, dann haben entsprechende Personen keine Probleme mit der Unterscheidung von Lautstärken, Tonlängen und -höhen, Schallquellen (Bsp: Wecker und Türklingel) oder Minimalpaaren (Bsp: „Tisch“ und „Fisch“). Die auditive Identifikation bezeichnet im Gegensatz zur auditiven Differenzierung nicht nur die bloße Fähigkeit zur Unterscheidung akustischer Reize, sondern die Fähigkeit des Erkennens dieser Geräuschquellen. Auch die auditive Analyse gehört zum auditiven System. Eine funktionierende auditive Analyse befähigt uns Einzelheiten aus komplexen akustischen Reizen herauszuhören. Ein Beispiel hierfür ist die Fähigkeit die Silbenanzahl eines gehörten Wortes bestimmen zu können oder einzelne Worte aus einem gesprochenen Text heraushören zu können. Weiter lässt sich die Fähigkeit zur auditiven Synthese nennen. Dies meint die Befähigung einzelne Laute zu Wörtern zusammensetzen zu können. Auch das Verstehen des Sinnbezugs ist ein Teilbereich des auditiven Systems. Das auditive Ergänzen beschreibt die Fähigkeit fehlende Phoneme zu einem Wort ergänzen zu können. Jemand mit einer guten Fähigkeit zum auditiven Ergänzen hat z.B. kaum Schwierigkeiten damit das Wort „Mau-werk“ zu „Mauerwerk“ zu vervollständigen. Die auditive Kurzzeitspeicherung und die auditive Sequenzierung, genauer gesagt die Befähigung akustische Reize in einer Reihenfolge zu speichern, sind ebenfalls Teilbereiche der auditiven Wahrnehmung.


Der Sehsinn - Das visuelle System

„Sehen ist mehr als das genaue Erfassen eines optischen Reizes“
(Zimmer 2005, S.63). Wir können hinsehen, wegsehen, starren, beobachten, blinzeln etc. Wenn wir z.B. einen Wald aus der Ferne betrachten, dann können wir einzelne Bäume aus dem Gesamtbild „Wald“ isoliert betrachten, wir können sehen, dass die Bäume groß und die Blätter rötlich gefärbt sind usw. Das visuelle System lässt sich in diverse Wahrnehmungsbereiche unterteilen (Vgl.: Prommer 2004, S.15ff.):
Zum einen sind die Figur-Grund-Wahrnehmung und die Visuomotorik zu nennen. Ersteres meint die Fähigkeit etwas Bestimmtes aus einer Menge optischer Reize zu entdecken, so z.B. einen Menschen aus einer Menschenmenge. Personen mit gut ausgeprägter Visuomotorik können Sehen und Bewegen problemlos koordinieren. Kinder haben in diesem Bereich oft Probleme, weshalb sie beispielsweise nicht exakt schneiden können. Weiter fällt in den visuellen Bereich die Wahrnehmung der Formkonstanz, also das Erkennen von Eigenschaften wie die Größe, Lage oder Form von Dingen oder Personen. Die Wahrnehmung der Raumlage stellt einen weiteren Bereich des visuellen Systems dar. Dies meint die Fähigkeit räumliche Beziehungen zwischen der eigenen Person und Dingen, Menschen oder Tieren herstellen zu können. Wer eine gedrehte oder spiegelbildlich veränderte Form nicht erkennen kann, wer links und rechts schlecht unterscheiden kann etc. hat eventuell Wahrnehmungsprobleme im Bereich der Raumlage. Ein weiterer Bereich ist die Wahrnehmung räumlicher Beziehungen. Hierbei handelt es sich um die Fähigkeit die Lage mehrerer Dinge oder Personen in Bezug auf den eigenen Körper oder in Bezug zueinander zu erkennen. Für die Orientierung sind die Wahrnehmung räumlicher Beziehungen und die der Raumlage sehr wichtig. Weitere Teilbereiche des visuellen Systems sind das visuelles Gedächtnis, also die Fähigkeit sich an optische Reize zu erinnern, die visuelle Sequenzierung, was bedeutet Gesehenes in eine Reihenfolge bringen zu können, das Verstehen des Sinnbezugs, also die Fähigkeit optische Reize zu deuten und zu ordnen und schließlich das visuelle Kalkulieren, womit gemeint ist, Größen, Entfernungen, Längen und Geschwindigkeiten zueinander in Beziehung setzten zu können.
Liepmann meint, „80% aller Informationen über unsere Umwelt kommen über die Augen zu uns“ (
Liepmann, Lise (1975): sehen, hören, riechen, tasten. Das Kind und die Welt der Sinne. Olten: Walter Verlag, S.74). Aber der Sehsinn ist nicht der wichtigste Sinn, was sich z.B. daran zeigt, dass er sich im Vergleich zu den übrigen Sinnen sehr spät entwickelt. Die enormen Leistungen der Blinden verdeutlichen, dass Sehen meist überbewertet wird und wir die übrigen Sinne oft vernachlässigen in ihrer Bedeutung.

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